Wir schreiben den 20.Mai 2005, ich stecke gerade in den Endzügen meiner Gesellenprüfung
zum KFZ-Mechatroniker, der Abschlussprüfung des dreijährigen BK und meiner
Fachhochschulreife. Jetzt kam immer mehr die Frage auf, was ich danach machen will. Mein
erster Gedanke war, ein Studium zum KFZ-Ingenieur an einer renommierten deutschen FH zu
beginnen. Mein Zweiter: Der Aufbruch ins Ausland um Neues zu entdecken. Nach langen
schlaflosen Nächten vor meinem Computer, bei der Suche nach einer Arbeitsstelle im
Ausland, den notwendigen Visuminformationen und möglichen Unterkünften in den
entsprechenden Ländern, kam ich zufällig über eine Suchmaschine auf die Seite des Baden-Württemberg-Stipendiums.
Nach kurzem Durchlesen, war die Idee, mich sofort zu Bewerben, geboren. Da
ich alle Vorraussetzungen erfüllte, war die Bewerbung schnell mit der Post unterwegs nach
Stuttgart.
Nachdem ich die Zusage für das Stipendium zur Weiterbildung in England erhalten habe, hatte ich noch meine Kurse und vieles mehr zu klären, was sich jedoch als nicht so einfach heraus stellen sollte. Als problematisch erwies sich die Heterogenität des deutschen und englischen Bildungssystems. Folglich kam es zu einigen Verwirrungen, bis ich einen zu mir passenden Kurs finden konnte. Das war noch nicht alles, auch die Krankenversicherungen machten mir das Leben ganz schön schwer. Niemand konnte mir mit den richtigen Informationen weiterhelfen. Nach langen Telefonaten habe ich dann eine Urlaubskrankenversicherung abgeschlossen, mit der Zusage, dass ich auf Grund meiner Einschreibung am College beim NHS (National Health Service) mich als Student kostenlos versichern könnte.
Ebenso war mein Organisationstalent bei der Suche nach einer Unterkunft und dem optimalen
Geldtransfer gefragt. Aber da mich diese Hindernisse nicht aufhalten konnten, war es dann am
2. September soweit: Ich fuhr von dem schönen Elztal im Schwarzwald, los Richtung Insel.
Mein Auto war voll bepackt, denn ich musste ja einen neuen, meinen ersten eigenen Haushalt
in England einrichten. Das ich mit dem Auto fahren würde, war für mich von der ersten
Sekunde an klar, denn Mobilität ist für mich lebenswichtig und es hat sich als nützlich
erwiesen. Ich hatte so die Möglichkeit viele Regionen Englands kennen zu lernen, auch wenn
die Zeit meist knapp bemessen war.
Sechs Uhr morgens kam ich dann nach langer Fahrt in Dover an und hatte ab sofort mit dem
Linksverkehr zu kämpfen. Aber die erste Unsicherheit wurde schon nach ein paar Kilometer
durch Spaß abgelöst, denn es war wirklich spannend mal auf der linken Seite der Strasse zu
fahren.
Nach circa drei Stunden war ich dann in Leamington Spa, wo ich eine Vorgängerin antraf.
Auch sie lebte in dem Prospero Haus und empfing mich herzlich. Allerdings war mein
Anreisetag zugleich Ihr Abreisetag und wir konnten uns nur kurz austauschen. Doch durch
unseren vorausgehenden E-Mail Kontakt, kannten wir uns schon und sie gab mir ihre Sachen,
die sie nicht mehr benötigte. Im nur zwei Minuten entfernten College, bekam ich dann meine
Zimmerschlüssel und ein Willkommenspaket mit einer Karte und weiteren hilfreichen
Prospekten.
Nun war das Einräumen meines Zimmers angesagt und nach einigem Umstellen der Möbel war auch gleich alles eingeräumt! Das Haus ist ausschließlich für internationale Studenten und
hat Platz für bis zu 31 Personen in 27 Zimmern. Ich hatte Glück, denn die Zimmer sind nicht immer besonders groß.
Danach war das Kennen lernen der anderen Bewohner an der Reihe. Dies war mit meinen
Englischkenntnissen die ich aus Deutschland mitgebracht hatte nicht immer ganz einfach,
aber mit großem Spaß verbunden. Die anderen Bewohner kamen aus Ländern wie Indien,
Pakistan, Zypern, Kenia, China und anderen. Da einige dieser Länder ehemalige
englische Kolonien waren und die Lehrbücher in den Schulen in englischer Sprache sind,
hatten diese Studenten schon ein nahezu perfektes Englisch gesprochen. Es war auch sehr
spannend ein ganzes Jahr diese Kulturen und Länder näher kennen zu lernen.
Am 5. September war es so weit, mein erster Besuch in einem englischen College. Nach
der Einschreibung ging es gleich los mit dem Unterricht. Nun bemerkte ich schnell
wie gut oder schlecht ich Englisch verstand oder sprechen konnte. Wenn ich
ausschließlich mit englischen Studenten im Unterricht saß, war es fast unmöglich das
Unterrichtstempo mitzuhalten. Die Lehrer erklärten technischen Begriffe, Zusammenhänge und Entwicklungen - ich kannte jedoch diese fachspezifischen Vokabeln nicht und musste mir alle erst aneignen.
Die ersten zwei Wochen waren sehr schwer, doch ich war hoch motiviert, jeden Tag ein bisschen
mehr zu verstehen. Durch diesen ausschließlich in English gehaltenen Unterricht, lernte ich
in den ersten Wochen so viel hinzu, wie in mehren Jahren meines Unterrichts in Deutschland.
Hauptsächlich waren es Redewendungen, die ich noch nie gehört hatte, die jedoch täglich
gebraucht wurden. Auch die technischen Begriffe waren anfangs ziemlich hinderlich, denn
erst mit Zeichnungen oder Objekten wurde mir klar, um was es sich handelt.
Aber abgesehen von den anfänglichen Schwierigkeiten mit der Sprache, war es für mich neu, keine Tests mehr
schreiben zu müssen, sondern Assignments. Diese sind projektorientiert und müssen zu einem
bestimmten Zeitpunkt abgegeben werden. Man bekommt einen Assignment Brief mit
Eckdaten, die erklären, welche Fragestellungen genau zu bearbeiten sind. Der Abgabetermin,
wie auch der Umfang für die gewünschte Beurteilung sind darin enthalten. Diese Assignment
waren anfangs eine Umstellung zum gewohnten deutschen System, denn nun war
selbständiges Recherchieren nötig, um die Fragen und Aufgaben zu lösen. Ich habe überall
nach Information gesucht, in der Bibliothek, bei anderen Studenten, dem Freundeskreis, alten
Schulunterlagen und natürlich im Internet. Dieses System finde ich persönlich besser, denn
man lernt nicht nur die Inhalte, die einem der Lehrer in die Hand gibt, sondern auch
unglaublich viel um das eigentliche Thema herum, da man in den unterschiedlichsten
Informationsquellen stöbert. Diese Art zu lernen hat mich auch auf mein Studium, dass ich an
einer englischen Universität ab diesem September beginnen werde, hervorragend vorbereitet.
Die Abschlussnote "Sehr Gut" war Vorraussetzung um in England studieren zu können. Die
Inhalte des Kurses sind auf ein Studium an Englischen Universitäten abgestimmt.
Units des Mechanical Engineering Kurses:
Zum Umfang der Weiterbildung gehört auch der Besuch der Shakespeare Sprachschule vom Warwickshire College. Da ich schon eine Woche in England war, habe ich mich schon ein bisschen in die Sprache eingefunden und der Test war nicht all zu schwer. Nach einem Gespräch mit der Rektorin wurde ich dann in den Intermediate (Vorgeschrittene) Kurs eingeschrieben. Durch diesen sehr am alltäglichen Sprachgebrauch orientierten Unterricht, lernte ich in den ersten Monaten sehr viel für die tägliche Kommunikation. Da noch ein Business English Kurs angeboten wurde, wechselte ich einen Halbtag pro Woche in diesen Kurs. Ich kann es nur empfehlen diesen Kurs zu belegen, denn er vermittelt Kenntnisse zum Schreiben von Briefen, Rechnungen, Projekten und Assignments. Da ich durch meinen englischen Freundeskreis und den Besuch des Mechanical Engineering Kurses in einem englisch sprechenden Umfeld lebte, verbesserten sich meine englisch Kenntnisse sehr schnell und das Leben in England wurde um einiges einfacher.
Durch diesen Auslandsaufenthalt hat sich mein komplettes Leben verändert. Wie in meinen
vorherigen Beschreibung erwähnt, freue ich mich schon sehr auf das "Engineering with
Business Management" Studium an der University of Warwick in England. Dies wäre mir vor
einem Jahr niemals in den Sinn gekommen, auch haben sich meine Augen geöffnet in Sachen
andere Länder, Kulturen und Menschen. Vor allem ist England zu meiner zweiten Heimat
geworden. Die sozialen Kontakte aber auch die Mentalität in diesem Land, machten es mir
sehr einfach mich wohl zu fühlen. Man muss nur seine Chance nutzen, wenn man es will. Ich
bin sehr froh, dass ich das Stipendium bekommen habe, denn somit war es mir finanziell
möglich, den wichtigsten Teil meiner Expedition "Auslandserfahrung" zu bewältigen.
Vielen Dank will ich hier noch einmal geltend machen, denn ohne die Unterstützung des Baden-Württemberg-Stipendiums und der tatkräftigen Hilfe von Frau Iris Bertz und Frau Capdevila-Straub wäre dieses Unternehmen für mich nicht möglich gewesen.
Von Sebastian Joos