Am Freitag, den 10. Februar 2003, morgens früh, starteten mein Vater und ich in Spraitbach Richtung England. Ich nahm meinen PKW mit, da man mir auf der Handwerkskammer mitgeteilt hat, dass ich ohne Auto schlecht meinen Arbeitsplatz erreichen kann. Die Route führte uns von Deutschland nach Holland, Belgien, Frankreich und von dort aus nach Calais. Anschließend ging es mit der Fähre nach Dover. Die Fahrt verlief reibungslos. Problematisch wurde es erst in England mit dem Links- und Kreisverkehr. Dies ist etwas gewöhnungsbedürftig.
Abends gegen 23.00 Uhr trafen wir endlich in Leamington ein. Iris Bertz, die für die Landesstiftung in England arbeitet, empfing uns sehr freundlich trotz später Stunde. Sie zeigte uns erst einmal unsere Unterkunft: Meinem Vater seine Pension, und mir anschließend das Studentenwohnheim. Es kam zu ersten Kommunikationsschwierigkeiten, denn Hausmeister Andy sprach einen sehr schwer zu verstehenden Dialekt - Dank Iris kein Problem. Am Samstag sahen wir uns erst einmal von außen das Firmengelände der Firma Damon-Hill an. Ein sehr ansprechendes modernes Firmengebäude. Danach war Sightseeing angesagt. Leamington, eine typisch englische Kleinstadt, gefiel mir auf Anhieb. Am Sonntagmorgen flog mein Vater wieder zurück nach Deutschland.
Morgens früh um 09.00 Uhr verabredete ich mich mit Iris am Haupteingang des College. Es gab sehr viel zu tun, wie das Ausfüllen der Anmeldung am College, Eignungstest schreiben für die Sprachschule, neue Handykarte kaufen, und ein neues Konto eröffnen. Als erstes erhielt ich einen Studentenausweis. Danach gab es einen kurzen Rundgang am College. Hier zeigte man mir die Kantine und die Bibliothek mit Computerraum. Von 09.00 bis 21.00 Uhr konnte man die Computer benutzen und ins Internet gehen. Ein kleines Fitness-Studio war auch Bestandteil vom College. Hierfür musste man aber bezahlen.
Nach meinem Sprachtest stand fest, welche Klassenstufe ich besuchen muss. Ich entschied mich für die Unterrichtstage Montag und Mittwoch. Das hieß: Schule von 9.15- 12.30 Uhr, und nachmittags von 14.30- 16.00 Uhr.
Danach fuhren wir zusammen zur BMW Werkstatt. Hier wurden wir vom Service Manager Antonie Cooper empfangen. In der Werkstatt empfingen mich ein sehr freundliches und sympathisches Team von Kollegen.
Danach ging es noch zum Arzt. In England gibt es nur den National Health Service. Die Patienten müssen sich hier bei einem Arzt melden, und kurz untersuchen lassen. Als dies auch erledigt war, war der erste Tag dann schon überstanden. Da ich im Studentenwohnheim wohnte, fand ich sofort Anschluss zu anderen Menschen mit den unterschiedlichsten Nationalitäten, die mir dann auch abends das Nachtleben in Leamington zeigten.
Jetzt war es soweit - mein erster Arbeitstag. Meine Arbeitszeiten waren von 8.30 bis 17.00 und es gab eine halbe Stunde Pause. Die Werksatt war genauso gut ausgestattet wie jede andere BMW Werkstatt in Deutschland. Dieselben Werkzeuge, die gleichen Testgeräte, usw. mit einem kleinen Unterschied: alles war auf Englisch, Werkzeug-Gebrauchsanweisungen, wie Reparaturanleitungen, und natürlich die Software der Computer. Anfangs war es für mich sehr schwierig mich in der neuen Umgebung, und der neuen Sprache zu orientieren, doch Dank meiner netten Kollegen, die mich immer unterstützten, und mir bei allen Dingen anfangs halfen. Ob es nun Sprachprobleme waren, Erklärung von Werkzeugen, oder einfache Wegbeschreibungen, die Kollegen waren immer für mich da. Auch wenn es um persönliche Dinge ging, wie Auto waschen, oder reparieren. Ich konnte stets mein Auto umsonst waschen, oder reparieren. Wenn es um kleinere Reparaturen ging, bezahlte der Betrieb für mich sogar die Ersatzteile.
Die anfänglichen Sprachprobleme legten sich innerhalb von ein paar Wochen. Durch das tägliche Sprechen verbesserte ich mein Englisch sehr schnell. Auch meine technischen Kenntnisse konnte ich noch ein ganzes Stück verbessern, da die Mechaniker hervorragend von BMW London geschult sind. Im Großen und Ganzen war es aber genau dasselbe Reparaturprinzip wie in Deutschland, nur das ich das Gefühl hatte, dass bei weitem schneller gearbeitet wurde, da alle eine sehr große Pauschale am Ende des Monats bekommen für schnelles und fehlerfreies Arbeiten. Neu war für mich, dass in England jeder Mechaniker sein Werkzeug selber kaufen muss, und auch dafür verantwortlich ist.
Auch im Kundenservice bin ich der Meinung, dass in England mehr auf den Kunden in der Werkstatt eingegangen wird, als in Deutschland. Zum Beispiel gibt es einen privaten Abholservice für Kundenfahrzeuge, in der Eingangshalle mehrere Internetanschlüsse für die Kunden, einen Kühlschrank, an dem sich der Kunde selbst bedienen kann, oder eine kostenlose Autowäsche bei jeder noch so kleinen Reparatur.
Die Ausbildung zum Kfz-Mechaniker verläuft in England anders als in Deutschland. Da sie das Duale Schul-System nicht haben, gibt es immer zwischendurch ein bis zwei Wochen Blockunterricht in London bei BMW. Ihre Abschlussprüfung schreiben sie dann ebenfalls in London bei BMW, das ganze nennt sich dann BMW approved Technician. Viele Mechaniker absolvierten vor ihrer Ausbildung ein Kfz-spezifisches College wie z.B. Motormanagment, oder Rennwagentechnik.
Um fünf Uhr war dann der erste Tag geschafft. Ich wohnte ca. 10 km von der Arbeit entfernt, was mit dem Auto oder Fahrrad kein Problem war. Wie üblich ging es dann abends wieder mit den anderen Studenten vom Haus, oder den Studenten von der Sprachschule in die Innenstadt, um irgendwelche Pubs zu besuchen. Auch dies war für mich eine hervorragende Übung, um mein Englisch zu verbessern. Die Verständigung am Anfang war hart, doch nach ein paar Wochen war auch dies kein Problem mehr.
Da die Menschen im Studentenwohnheim von überall herkamen, wie zum Beispiel China, Hongkong, Philippinen, Mexiko, America oder Afrika , lernte ich sehr viel über andere Länder und Kulturen. Auch hier konnte ich durch das Zusammenleben mit anderen Menschen meine Englischkenntnisse enorm verbessern. Da keine anderen Deutschen dort wohnten, war ich gezwungen, Englisch zu sprechen. Schon nach sehr kurzer Zeit war ich recht sicher im Umgang mit der englischen Sprache.
Jetzt war es Zeit für den ersten Schultag. Um 9.15 Uhr war Unterrichtsbeginn. Auch hier warteten sehr nette Menschen auf mich. Nach der ersten Vorstellung war ein Großteil der Nervosität schon verflogen. Durch den Eingangstest kam ich sehr gut mit dem Unterrichtsstoff mit, und fühlte mich sehr schnell wohl in meiner neuen Klasse. Die Schule war sehr an der zwischenmenschlichen Kommunikation orientiert. So wurde jeden Monat ein Ausflug organisiert, wie z.B. nach London, Birmingham, Bath, Stonehenge, etc.
Die Exkursionen waren stets sehr günstig, und es war stets ein Lehrer von der Schule dabei. Gestartet wurde immer freitags vor dem College. Es wurde ein Bus bereitgestellt, der uns abholte, und wieder heimfuhr. Meistens wurde in einer Unterrichtsstunde vor der Abfahrt über das Ziel gesprochen.
Das Baden-Württemberg-Stipendium ist eine tolle Sache. Es war alles organisiert, und falls es doch einmal Probleme gab, war immer jemand vor Ort, der helfen konnte. Das College hat nichts gekostet, und zu den monatlichen 670.- gab es auch noch ein kleines Taschengeld vom BMW-Händler dazu. Die Landesstiftung Baden-Württemberg hat mir dabei geholfen, meine sprachlichen Fähigkeiten wie auch meine handwerklichen enorm zu verbessern. Und, was mir am wichtigsten war, meinen eigenen Horizont zu erweitern, und über den Tellerrand hinüberzublicken.
Von Rolf Beck