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Erfahrungsberichte/ Praktikum als Industriemechaniker

Praktikum in Nottingham/England als Industriemechaniker vom Oktober 2005 bis März 2006

Nottingham

Wohnen in Nottingham

Nottingham hat circa 300.000 Einwohner und liegt in den East Midlands. Die Stadt verfügt über eine hohe asiatische Gemeinschaft, was sich natürlich an den Geschäften und Restaurants bemerkbar macht. Es gibt zwei Universitäten, das heißt: Sehr viele Studenten kommen aus aller Welt nach Nottingham und beleben die Stadt.

Nottingham gehört bestimmt nicht zu den sichersten Städten in England, aber die Stadt ist dabei, das Problem zu bekämpfen und ich habe mich in der ganzen Zeit dort nicht unsicher gefühlt. Ich habe in einem Bezirk gewohnt, der nicht gerade zu den besten gehört, aber auf Grund der Nähe zur Firma und zur Stadtmitte (beides circa 15 Minuten zu Fuß) war die Lage für mich perfekt.

Meine ersten Tage in England

Ich bin drei Wochen vor Praktikumsbeginn für zwei Tage nach Nottingham gereist, um mir die Firma anzuschauen, eine Wohnung zu suchen und mir einen Platz im College zu sichern. Ich habe das ganze von Zuhause über das Internet organisiert und Termine für Wohnungsbesichtigungen ausgemacht. Alle vier Häuser waren nicht besonders eingerichtet oder in einem gepflegten Zustand, somit habe ich mich für eine WG mit vier Männern entschieden, damit ich Englisch spreche und Leute kennen lerne.

Bei der Firmenbesichtigung hat mich dann Iris Bertz begleitet und somit das erste Treffen erleichtert. Einer der Direktoren, Herr Keith Tupling hat uns sehr freundlich empfangen und die Firma vorgestellt.
Ein College haben wir dann auch noch gefunden und die Tage haben sich somit als absolut erfolgreich herausgestellt und ich bin mit einem guten Gefühl wieder nach Hause gereist.

Leben in Nottingham

Volleyball in der Freizeit

Die ersten Tage in Nottingham waren anstrengend, seltsam und interessant - Es gab so viele neue Eindrücke die ich zu verarbeiten hatte.
Das Leben in meinem neuen Zuhause war teilweise sehr chaotisch. Man muss sich erst einmal daran gewöhnen, dass nicht alles so sauber ist wie zuhause, ist ja auch kein Wunder wenn fünf Männer zusammen leben. Meine WG - Kollegen waren alle freundlich und nett, wir haben immer Spaß zusammen gehabt. Mit zwei von ihnen habe ich eine kleine Freundschaft aufgebaut und wir sind regelmäßig zusammen ausgegangen und haben viel Zeit miteinander verbracht.

Das Nachtleben in Nottingham ist sehr ausgeprägt. Die Stadt hat erstaunlich viele Pubs und Clubs im Zentrum, mit anderen Worten: Da ist die Hölle los.
In der zweiten Woche habe ich dann einen Volleyballclub im Internet ausfindig gemacht und bin jeden Dienstag zum Training gegangen. Dort habe ich mich auch sehr schnell integriert und in der East Midlands league mitgespielt.

Die Firma TQC

TQC ist spezialisiert im Bereich Sondermaschinenbau, das heißt: Ein Kunde bestellt eine, speziell nach seinen Ansprüchen und nach Maß gefertigte Maschine. Sehr gutes Know-how hat TQC im Bereich Leaktesting (Dichtheitsprüfung) von den verschiedensten Produkten wie beispielsweise:

Arbeiten bei TQC

Des Weiteren baut die Firma voll- und halbautomatische Montagelinien, Maschinen für automatischen Funktionstest und Handarbeitsplätze.
Ich war die meiste Zeit in der Fertigung von den Maschinenkomponenten eingesetzt, habe aber auch in der Montage gearbeitet, was ich persönlich auch bevorzuge. TQC fertigt zu 90% die Komponenten selber, inklusive schweißen und lackieren der Maschinengestelle. Leider wird nur an manuellen Dreh- und Fräsmaschinen gearbeitet, was auch interessant sein kann, aber einfach nicht mehr dem aktuellen Stand der Technik entspricht.

Anfangs war es natürlich schwierig nach Werkzeugen, Material oder Normteilen zu fragen, weil das Vokabular nicht vorhanden war. Das ergab sich dann aber auch im Laufe der Zeit. Da ich in der Technikerschule technisches Englisch hatte, konnte ich zumindest die wichtigsten Begriffe und Werkzeuge.

In England besitzt jeder Mechaniker sein eigenes Werkzeug, welches er sich selber gekauft hat. Das war für mich natürlich ungewohnt, da ich das der anderen mitbenutzen musste und kein eigenes von der Firma gestellt bekommen habe, wie es bei uns in Deutschland üblich ist. An das Firmengebäude - innen und außen - musste ich mich auch erst einmal gewöhnen. Die Firma investiert nicht gerne in das Gebäude, und solange Maschinen, Computer und Zubehör funktionieren werden diese auch nicht ausgetauscht.
Die Arbeitskollegen und Vorgesetzten waren sehr freundlich zu mir und ich habe mich dort auch wohl gefühlt. TQC hätte mich gerne länger behalten, ich habe mich aber entschieden, nach den sechs Monaten wieder in meine schöne Heimat zu gehen.

Neu erlernte Fertigkeiten

Da ich schon aus dem Sondermaschinenbau komme und auch schon in der Fertigungstechnik tätig war, konnte ich mein Fachwissen nur begrenzt erweitern. Der Bereich Dichtheitsprüfung war neu für mich, dadurch habe ich bei TQC interessante Anwendungen in diesem Sektor kennen gelernt. Auch im Bereich Hydraulik konnte ich Erfahrungen sammeln, welche ich vorher noch nicht hatte.

Vorteile im Berufsleben

Die Firma TQC

Ich weiß noch nicht, ob ich die erlernten Englischkenntnisse direkt in meinem neuen Arbeitsplatz einsetzten kann, aber ich habe schon festgestellt, das sich der Aufenthalt positiv in meinen Bewerbungsunterlagen und Vorstellungsgesprächen ausgewirkt hat. Der Aufenthalt hat aber auf jeden Fall bewiesen, dass ich mich sehr schnell an betriebliche Veränderungen anpassen kann und mir die sprachlichen Hürden keine Schwierigkeiten bereitet haben.

Verbesserung der Sprachkenntnisse

Anfangs hatte ich Probleme mit dem lokalen Dialekt der in Nottingham verwendet wird, habe mich aber nach ein paar Wochen sehr gut daran gewöhnt. Da sich der Lernprozess aber kontinuierlich verbessert, wurde mir gar nicht so bewusst, das sich die Sprachkenntnisse im Laufe der Zeit stark entwickelten. Ich habe dann immer über die ersten Tage in England nachgedacht, dann ist mir auch schnell bewusst geworden, dass sich meine Sprache sehr stark verbessert hat.

Einen Abend pro Woche bin ich ins New College Nottingham gegangen, um Kontakt zu jungen Menschen zu bekommen und gezielt Englisch zu lernen. Das College war sehr wichtig für mich, um meine Grammatik aufzuarbeiten und um Fragen zu stellen. Das Schöne im Vergleich zum Englischunterricht in Deutschland war auch, dass ich sofort die Gelegenheit hatte, neu gelernte Wörter oder Redewendungen in den nächsten Tagen anzuwenden. Durch meine englischen WG-Kollegen hatte ich auch abends und am Wochenende immer die Möglichkeit Englisch zu sprechen, was auch ein sehr großer Vorteil war.

Kulturelle Erfahrungen

Party im College

Ich bin mit gemischten Gefühlen nach England gereist, da zwischen England und Deutschland doch ab und zu Spannungen sind oder waren, sei es durch Fußball oder durch die Vergangenheit.
Ich persönlich habe nur gute Erfahrungen gemacht und ich denke, dass die anderen Menschen sich einem gegenüber so verhalten, wie man sich ihnen gegenüber verhält, egal aus welchem Land man kommt.

Ansonsten haben die Menschen hier die gleichen Probleme wie in Deutschland, zum Beispiel das fehlende Vertrauen in die Politik, die Krankenkasse (NHS) hat nicht genug Geld, das Rentensystem funktioniert nicht mehr richtig, die Leute sollen länger arbeiten, etc.. Ich habe Kontakt zu sehr vielen verschiedenen Menschen aus aller Welt gehabt, speziell natürlich in meinem College Kurs und das Schöne daran ist, dass man sich mit allen verständigen kann aufgrund einer Gemeinsamkeit: Englisch.
Das hat mich beeindruckt und ich denke, dass es mehr Frieden auf der Welt geben kann, wenn immer mehr Menschen diese Gemeinsamkeit haben und feststellen, dass wir nicht so verschieden sind, nur weil wir anders aussehen und wo anders geboren sind.

Fazit

Für mich persönlich war der Aufenthalt eine sehr große Bereicherung. Ich konnte meinen Horizont erweitern und auch feststellen, dass ich ohne größere Schwierigkeiten in der Lage bin, in einem anderen Land zu wohnen und zu arbeiten.
Mit der finanziellen Unterstützung bin ich gut ausgekommen, trotz hoher Lebenskosten. Außerdem habe ich ein bisschen Geld von TQC bekommen, somit konnte ich mir auch zwei schöne Ausflüge nach London leisten und auch über Weihnachten nach Deutschland fliegen. Obwohl das Organisatorische - bevor man nach England geht - sehr aufwendig ist, würde ich es auf jeden Fall wiederholen. Es ist auch unglaublich, wie schnell man sich danach wieder an die Heimat gewöhnt, als ob man nur ein paar Tage weg war.

Hiermit möchte ich mich noch bei der Landesstiftung Baden-Württemberg bedanken, welche mir durch das Stipendium geholfen hat, den Schritt nach England zu wagen. Besonderer Dank geht an die Frau Capdevila-Straub für Ihre Hilfe auf Deutscher Seite, Iris Bertz für die Unterstützung in England und an alle Mitarbeiter der Firma TQC.

Von Uwe Meyer


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