Bevor ich mit meinem Erfahrungsbericht anfange, möchte ich mich erst einmal vorstellen. Mein Name ist Sandra Basler und ich bin 20 Jahre alt .Nachdem ich meine Friseurausbildung mit Erfolg bestanden und an vielen Wettbewerben und Seminaren teilgenommen habe, hatte ich Lust was Neues auszuprobieren und meinen Horizont zu erweitern. Als ich dann vom Baden-Württemberg-Stipendium hörte, war ich gleich Feuer und Flamme.
Nachdem ich die Zusage bekommen hatte, konnte ich es erst gar nicht glauben. Auch erste Zweifel kamen auf. Will ich es wirklich mit der großen Welt da draußen aufnehmen? Aber durch die tolle Unterstützung meines Ausbildungsbetriebes, meiner Familie, Freunde und meines Partners waren alle Bedenken bald verflogen und ich machte mich auf nach England.
Am 09.09.04 flog ich dann von Stuttgart nach Birmingham und von da aus ging es mit dem Zug Richtung Leamington Spa, welches die nächsten 3 ½ Monate mein neues Zuhause sein sollte. Ich bin dann auch ganz lieb von Iris Bertz am Bahnhof empfangen worden und gemeinsam machten wir uns auf den Weg ins "Prospero House" - das Studentenwohnheim.
Von außen machte es auf mich einen netten Eindruck, aber ich musste nach einem Rundgang mit Andy, dem Hausmeister, feststellen, dass mein Zimmer doch sehr spärlich eingerichtet war und ich nicht viel Platz hatte. An sich wäre das gar nicht so schlimm, aber für einen Preis von 65 £ pro Woche hatte ich mir schon was anderes vorgestellt. Aber die Aussicht mit 27 anderen Leuten in einem Haus zu wohnen hat mich dann doch wieder freudig gestimmt, da ich unbedingt Anschluss finden wollte. Und da ich Küche, Bad und Fernsehzimmer mit meinen Mitbewohnern teilen musste, kam man ganz schnell ins Gespräch und es entwickelten sich nach und nach Freundschaften. Es war sehr interessant mit so unterschiedlichen Menschen, die von überall her kamen, unter einem Dach zu wohnen.
Viele kamen aus China und Japan, aber auch von Thailand, Zypern, Saudi-Arabien, Korea, Südamerika, Afrika und Pakistan. Unglaublich faszinierend war es, deren Kulturen kennen zu lernen und dadurch Vorurteile, die man von fremden Ländern hatte, auszuräumen. Irgendwann haben wir dann angefangen gemeinsam zu kochen, was zum einen eine kulinarische Freude war und zum anderen unseren Zusammenhalt gestärkt hat.
Nachdem ich in der "Shakespeare School", die nur drei Minuten Fußweg von "Prospero House" entfernt ist, einen Test absolviert habe, um das Level meiner Englischkenntnisse festzustellen, wurde ich der Klasse "Intermediate" zugeteilt. Ich hatte jeden Montag und Mittwoch von 9.15 - 12.15 Uhr und von 13.45 - 16 Uhr mit 16 Klassenkameraden Unterricht.
Alles in Allem ging es im College recht locker zu. Schüler wie Lehrer wurden mit dem Vornamen angesprochen und ob man Hausaufgaben gemacht hat oder nicht, war jedem selbst überlassen. Hat man sich unter- oder überfordert gefühlt oder wollte man noch auf anderen Gebieten etwas dazu lernen, konnte man die Kurse ganz einfach wechseln. All das führte zu einer entspannten Atmosphäre und die Motivation zu lernen war viel größer.
Toll fand ich auch die Ausflüge, die ein Mal im Monat vom College aus organisiert wurden. Es standen Sehenswürdigkeiten in Oxford, Nottingham, Stanford und London auf dem Programm und nur für 10 Pfund war man dabei. So hatte man die Möglichkeit auch ohne viel Stress England zu besichtigen.
Kurz vor Weihnachten konnte sich jeder für das Examen des "Cambridge First Certificate" einschreiben. Natürlich waren alle dabei, erstens, weil es keine Teilnahmegebühren gibt und zweitens, weil man nach Bestehen der Prüfung ein international anerkanntes Zertifikat erhält, das besagt, dass man über einen gewissen Stand an Englischkenntnissen verfügt. Und das kann später in jedem Beruf oder Studium von Nutzen sein.
Nachdem ich zwei Tage in der Woche meine Englischkenntnisse aufbesserte, wollte ich natürlich auch in meinem Beruf vorankommen. Iris hatte mir im Voraus einen Praktikumsplatz bei einem Friseurbetrieb mit dem schönen Namen "Capelli Blaze" besorgt, bei dem ich dienstags, donnerstags und samstags arbeitete.
Der Dienstag war mein Lieblingstag! Wir haben um 9.00 Uhr angefangen und bis um 18.00 Uhr haben wir Kunden bedient. Dann war jede zweite Woche noch Farbtrainingsabend bis 20.00 Uhr. Zugegeben ein langer Tag, vor allem weil wir nur eine halbe bis ganze Stunde Mittagspause hatten, aber der Lerneffekt war an diesen Tagen enorm und deshalb war man ja schließlich da.
Mein Chef Dominic nahm sich den ganzen Dienstag frei, um seinen Azubis - und mir - an Hand von Modellen Schneide- und Föntechniken zu erläutern und somit eine sehr gute Ausbildung zu gewährleisten. Um dem Problem Modelle zu finden aus dem Weg zu gehen, wurden wir regelmäßig mit Karten, auf denen "Capelli Blaze", Adresse und unsere Namen standen auf die Straße geschickt. Wir haben dann alle möglichen Leute, die von den Haaren her interessant waren, angesprochen und sie gefragt, ob sie Lust hätten für nur fünf Pfund einen neuen Haarschnitt zu bekommen. Mich selbst hat es erstaunt, wie simpel und doch erfolgreich diese Methode war. An diesen Tagen hab ich viele Fertigkeiten und Techniken verbessert, vertieft und neu dazu gewonnen.
Da Dominic selbst in seiner 35jährigen Friseurkarriere für Vidal Sassoon unter anderem in Schweden und San Francisco gearbeitet hat, wusste er am besten, wie ich mich in einem fremden Land fühlte. Wahrscheinlich hatten wir deshalb gleich von Anfang an einen guten Draht zueinander. Da er auch schon eine halbe Ewigkeit ausbildet, hatte er eine sehr angenehme und vor allem geduldige Art etwas zu erklären.
Von Anfang an arbeitete ich als Stylistin mit. An den Donnerstagen war ich von 12.00 - 20.00 Uhr und samstags von 9.00-18.00 Uhr beschäftigt. Was sich zwar leicht anhört, da es ja schließlich mein Beruf ist, sich aber schnell als meine persönliche Herausforderung herauskristallisierte. Da ich vier Jahre lang nach einem völlig anderem Arbeitskonzept gelernt habe, war es sehr schwer mich an die neue Arbeitsweise und die Produkte zu gewöhnen. Bei "Capelli Blaze" haben z.B. alle Stylisten nur geschnitten und gefönt. Die Haarfarben sind Sache der Lehrlinge. In meinem Ausbildungsbetrieb in Deutschland fielen auch Umformungen, Kosmetik, Hochsteckfrisuren, Brautservice, Massagen, und Farben in meinen Aufgabenbereich. Erst machte es für mich keinen Sinn, warum sie lieber Kunden, die nach einer solchen Dienstleistung nachfragten wegschickten, als dass sie diese anboten. Doch nach und nach wurde mir klar, dass sie es nicht nötig hatten andere Leistungen anzubieten: Haarschnitte auf höchstem Niveau verkaufen sich quasi von selbst.
Da mein Englisch nicht überragend war, ganz zu schweigen von den ganzen friseurspezifischen Begriffen, die ich nie in der Schule gelernt habe, hatte ich einige Schwierigkeiten ein Beratungsgespräch zu führen. Da mich meine Kollegen nie wie eine Ausländerin behandelt haben, gaben sie mir zwar Hilfestellung, durchbeißen musste ich mich aber selber. Was mich, wenn ich zurückdenke, stärker und selbstständiger gemacht hat.
Irgendwann habe ich mir dann einen Ordner mit verschiedenen Frisuren angefertigt. Dieses und das Vertrauen und große Verständnis meiner Kunden haben dazu beigetragen, dass ich mich schnell sicherer gefühlt habe.
Bei "Capelli Blaze" wurde die ganze Arbeit auf eine perfekte Frisur beschränkt, wogegen in meinem Betrieb in Deutschland der ganze Kunde im Mittelpunkt steht (Frisur, Kosmetik, Nägel, Massagen, etc.)
Einige Dinge des Kundenservice fand ich beeindruckend und werde diese in Deutschland auch meiner Chefin vorschlagen:
Das Team wurde oft auf Modenschauen, an denen sie als Teilnehmer und Zuschauer beteiligt waren, und auf Messen geschickt, damit sie immer auf dem neuesten Stand sind. Zusätzlich half es dem Betriebsklima, wenn man auch in der Freizeit etwas gemeinsam unternahm.
Ich hatte bei "Capelli Blaze" eine gute Zeit und nach den anfänglichen Schwierigkeiten habe ich mich sehr wohl gefühlt. Es war nicht üblich groß zu loben, deshalb war ich mir nie 100% sicher, ob sie mit meiner Arbeit zufrieden waren. Gefehlt haben mir Gespräche mit meinem Chef, um ein Feedback zu bekommen. Umso mehr habe ich mich gefreut, als Dominic mir am Ende meines Praktikums eine Festanstellung angeboten hat. Auch meinte er, dass er immer bereit ist, einer anderen Friseurin die Chance zu geben, ein Praktikum in seinem Laden zu machen.
Ich war selbst überrascht, wie viel ich von meinem Schulenglisch noch wusste. Darüber
hinaus hat mir der Sprachkurs sehr viel gebracht. Toll war dann, dass ich das dort Gelernte bei
der Arbeit mit den Kunden bei "Capelli Blaze" umsetzen konnte. Die alltäglichen
Umgangsformen habe ich durch den Kontakt mit anderen Menschen von selbst angenommen.
Nach der ersten Woche in England hab ich mir ein Vokabelheft angelegt, in dem ich täglich ein bis vier neue Wörter schrieb, die ich tagsüber aufgeschnappt habe. Fernsehen und Zeitung lesen war für meine Sprachverbesserung sehr förderlich, aber das Beste ist immer noch "learning by doing". Ich machte die Erfahrung, dass, auch wenn mal ein Satz nicht ganz so perfekt ist, die Engländer super stolz auf einen sind, dass man Englisch lernt. Sie sagen nämlich über sich selbst, dass sie unheimlich faul sind, was das Lernen einer anderen Sprache betrifft, da ihre Muttersprache auf der ganzen Welt gesprochen wird.
Da Iris mich gleich am ersten Wochenende zum Salsa-Tanzen mitgenommen hat, hatte ich dort die Gelegenheit neue Bekanntschaften zu schließen und mein Englisch praktisch anzuwenden. Außerdem ist aus dem Tanzen eine richtige Leidenschaft geworden. Nichtsdestotrotz hab ich doch Zeit gebraucht, um mich an die Sprache zu gewöhnen. So richtig zu Hause hab ich mich erst nach circa drei Monaten gefühlt und dann war mein Aufenthalt auch schon fast vorbei. Deshalb würde ich jedem, der Ähnliches plant empfehlen, für sechs Monate oder mehr ins Ausland zu gehen, um wirklich alles auszuschöpfen.
England ist definitiv ein teures Pflaster und ich musste gut mit dem Stipendium haushalten, dann hat es aber doch gereicht. Das meiste Geld ging für die Unterkunft drauf und da denke ich im Nachhinein, dass man weitaus günstigere und netter eingerichtete Bleiben finden kann, doch meine 3 ½ Monate in Leamington waren für einen Umzug zu kurz.
Ich kann solch einen Aufenthalt in England nur empfehlen. Es wird einfach alles lockerer gesehen. Und da dort nicht die Zeugnisse und Ausbildungen von früher zählen, sondern nur das, was man jetzt leistet, hat man viel mehr Spielraum etwas Neues auszuprobieren. Ohne das Baden-Württemberg Stipendium hätte ich nie die Möglichkeit gehabt in ein fremdes Land zu gehen, meine handwerklichen Qualifikationen zu verbessern und dabei noch so unwahrscheinlich viele andere Dinge für´s Leben dazu zu lernen. Ich möchte mich an dieser Stelle nochmals ganz herzlich bei Clemens Riegler, Nadine Capdevila-Straub, und vor allem Iris Bertz, die mir in England immer mit Rat und Tat zur Seite stand, bedanken. Es war toll aus der gewohnten Umgebung heraus zu kommen, und über den Tellerrand zu schauen. Diese Erfahrung kann mir keiner mehr nehmen.
Von Sandra Basler