Sich nach dem Abitur ins Studium stürzen? Das kam für Helma Krueger nicht in Frage. Schon während ihrer Schulzeit hatte sie den Wunsch, nach dem Abitur ins englischsprachige Ausland zu gehen. Wohin, stand damals allerdings noch nicht fest. "Die Frage hat sich dann allerdings von selbst geklärt, als ich circa ein halbes Jahr vor meinem Abitur meinen Freund kennen lernte - er ist Brite und lebt in London", erklärt Helma. Und so zog es die heute 25-Jährige im Anschluss an ihr Abitur nach London. Dort jobbte sie zunächst mehrere Monate in einer Marktforschungseinrichtung.
Anfangs hatte sie bei der Firma auf die Recruitment Hotline, eine Art Anrufbeantworter, gesprochen und dort ihr Profil angegeben. "Auf diesen Anrufbeantworter spricht man, wenn man Interesse an einem Job hat. Man hinterlässt dann seinen Namen, die Telefonnummer und andere Daten und wird schließlich von der Firma zurückgerufen, sofern diese Interesse an einem hat." Sich auf einem Anrufbeantworter vorzustellen, ist in England eine gängige Bewerbungsmethode. Leider bekam Helma auf ihre Vorstellung auf der Recruitment Hotline keine Resonanz. Nur wenige Tage später kam sie allerdings an einer Bushaltestelle zufällig mit einer Mitarbeiterin eben dieser Marktforschungseinrichtung ins Gespräch. "Sie lud mich direkt für den nächsten Tag zum Bewerbungsinterview ein und schließlich bekam ich den Job." In dem Marktforschungsinstitut arbeitete sie als Interviewerin und musste sowohl Firmen als auch Privathaushalte anrufen. Pro Stunde verdiente sie dort bis zu neun Pfund (rund dreizehn Euro). "Je nach dem wo man jobbt, verdient man als Aushilfe zwischen fünf und neun Pfund pro Stunde", verrät Helma.
Nach einem Jahr in der Marktforschungseinrichtung begann Helma Wirtschaft und Psychologie an der Kingston University in London zu studieren. Nach ihrem Bachelor wollte die gebürtige Hannoveranerin dann in die Schweiz, um dort ihren Master zu machen. Doch nach nur wenigen Monaten ging sie wieder zurück nach England. "In erster Linie bin ich wegen meinem Freund wieder zurück nach London. Aber abgesehen davon, hatte ich mir in London mittlerweile ein Leben aufgebaut. Hier hatte ich meine Freunde, meine Hobbys und wusste, wie die Dinge laufen."
Mittlerweile arbeitet Helma als Business Analyst für eine IT-Marktforschungseinrichtung. Hier ist sie für die Kundenbetreuung bestimmter Gruppen zuständig. Sie kümmert sich darum, dass ihre Kunden die Daten und Forschungsergebnisse bekommen, die sie benötigen. "Die Arbeit ist sehr abwechslungsreich und macht mir großen Spaß." Ihren Master hat Helma allerdings noch nicht auf Eis gelegt: "Irgendwann würde ich gerne noch meinen Master machen und mich damit in Richtung Consulting bewegen."
London gehört zu den wichtigsten Wirtschaftszentren Europas. Viele träumen davon, in der Trendmetropole zu arbeiten und dort zu leben. "London ist eben einzigartig - frei, offen und multikulturell", weiß Helma. Doch London ist nicht gleich England; und so gibt es doch einige Unterschiede zwischen dem Leben in der Großstadt und dem in ländlichen Gebieten.
"Fährt man aufs Land, trifft man eher die typischen Engländer. Mittelstand und Bauern in kleinen Städten; hier sind die Leute oft etwas konservativer."
Doch nicht nur die Mentalität der Einwohner unterscheidet sich. Auch die Lebenshaltungskosten in London sind nicht mit denen auf dem Land zu vergleichen. "Sich allein eine Wohnung nehmen, ist hier als Normalverdiener nur schwer möglich. Die meisten Leute teilen sich Wohnungen oder sogar Häuser. Man zahlt für ein Zimmer in einem Haus oder in einer Wohnung momentan circa 370 Pfund (circa 550 Euro) pro Monat. Das sind wirklich Studentenhütten. Aber: Je schöner die Wohnung, desto teurer."
Generell würde Helma empfehlen, in den Westen Londons zu ziehen. "Er ist irgendwie europäischer, sauberer und die Kriminalitätsrate ist niedriger als im Osten Londons."
Ihre Freizeit verbringt Helma am liebsten, wie die meisten Engländer, im Pub. "Dort trinkt man dann sein Ale und unterhält sich mit Freunden."
Angekommen im fremden Land, sind nicht nur die Lebensgewohnheiten anders, auch die Sprache ist neu. In der Schule wird einem natürlich die englische Sprache näher gebracht, aber diese schließlich in Großbritannien anzuwenden, ist noch mal etwas ganz anderes. "Am Anfang war es schon schwierig, allerdings nicht wegen der blumigen Ausdrucksweise der Engländer, sondern weil meine Konzentration relativ schnell erschöpft war." Ihre ersten Konfrontationen mit der englischen Sprache, beschreibt Helma wie folgt: "Es kam vor, dass ich abends im Pub mit meinen englischen Freunden eine unterhaltsame Stunde verbrachte, bis mein Gehirn auf einmal streikte und ich zu müde war, um weiter zuzuhören. Dann hatte ich wirklich ein Blackout und starrte nur noch vor mich hin, bis meine Energie wiederkam." Nach einigen Monaten hat Helma sich allerdings an das britische Englisch gewöhnt.
Helma lebt nun bereits seit mehreren Jahren in London. Wieder nach Deutschland zurückzukehren, kann sie sich momentan nur schwer vorstellen. In England hat sie einen gut bezahlten und sicheren Job, ihren Freundeskreis und viele Hobbys. "Außerdem weiß ich, was in der englischen Politik vor sich geht. Von der deutschen Lebenskultur weiß ich nur noch sehr wenig." Allerdings räumt Helma auch ein: "Heimat bleibt Heimat - man weiß ja nie, wohin einen das Leben führt."
Von Julia von der Heyden